Sunday, 31 January 2010

A Serious Man

Eine Umarmung kann Wunder wirken: Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg, links) wird von Sy Ableman (Fred Melamed), dem Liebhaber seiner Frau, getröstet. Dass dies keinen Effekt hat, interessiert ausser Larry niemanden.

6 Sterne

Das bekannteste Brüderpaar im Filmbusiness, Joel und Ethan Coen, ist so fleissig wie kaum je zuvor. Sie schreiben und inszenieren wieder einen Film nach dem anderen und seit dem vierfachen Oscargewinn ihrer ersten Literaturverfilmung, No Country for Old Men, wissen sie auch wieder die Kritiker hinter sich. Ihr neustes Werk führt sie in die unmittelbare Umgebung ihrer Kindheit: Ins Minnesota der 1960er Jahre. Behandelt wird die typische amerikanische Mittelklasse der 1950er Jahre, die langsam dahinsiecht. Von Revolution ist wenig zu spüren, die gesellschaftliche Hierarchie scheint stabil zu sein, doch für die Hauptfigur, den Durchschnittsjuden Larry Gopnik, gerät alles aus den Fugen. Die Coens liefern fantastischen Humor, jüdische Stereotypen, biblische Anspielungen en masse und gewähren viel Raum für Interpretationen. Dies alles summiert sich zu A Serious Man, den bisher wohl schwärzesten Film von Joel und Ethan Coen.

Wer sich im Vorfeld mit der Synopsis des Films auseinandergesetzt hat, wird sich zu Beginn von A Serious Man wahrscheinlich fragen, ob er im falschen Film sitzt. Denn nach dem Eingangszitat "Receive with simplicity everything that happens to you." von Rashi, einem jüdischen Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert, befinden wir uns nicht etwa im amerikanischen Suburbia des 20. Jahrhunderts, sondern in einem polnischen Schtetl der vorletzten Jahrhundertwende. Ein Mann erzählt seiner Frau in originalem Jiddisch, dass er im wüsten Schneetreiben in tiefer Nacht auf einen Bekannten gestossen sei, der ihm bei einem Radbruch geholfen hat. Seine Gattin erzählt ihm daraufhin, dass der fragliche Mann vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet hat und dass es sich nur um einen Dybbuk handeln kann. Aus ihren Erklärungen lässt sich in etwa ableiten, dass ein Dybbuk, ein Wiedergänger, dann entsteht, wenn die Shiva, die traditionelle Totenwache der Juden, unterbrochen wird und das Böse im toten Körper entfliehen kann. Die vermeintliche Heimsuchung, ein wunderbarer Gastauftritt der jüdischen Schauspielerlegende Fyvush Finkel, betritt das Haus, wird von der Hausherrin erstochen und verabschiedet sich wieder. Wer die Coens kennt, weiss, dass kryptische oder eigenwillige Anfänge ein wiederkehrendes Element in ihren Filmen sind, siehe Sam Elliotts Monolog in The Big Lebowski oder die singende Chain Gang in O Brother, Where Art Thou?. Anschliessend findet sich der Zuschauer im Jahre 1967 wieder, wie immer bei den Gebrüdern Coen gespickt mit Anachronismen, wo sich alles um Larry, das Oberhaupt der scheinbaren Vorzeigefamilie Gopnik, dreht. Michael Stuhlbarg verkörpert Larry hervorragend. Die Figur macht während A Serious Man eine an eine Achterbahn erinnernde Entwicklung durch, welche von Stuhlbarg absolut glaubwürdig wiedergegeben wird. Das Mitleid des Zuschauers ist ihm spätestens nach dem ersten ihm widerfahrenden Unheil sicher (und wenn nicht, dann sicherlich nach dem letzten). Der Charakter, der Stuhlbargs in Sachen Tiefe am nächsten kommt, Larrys Bruder Arthur, wird von Richard Kind ergreifend dargestellt. Auch ihn schliesst man, trotz eines etwas widerlichen Körpermerkmals, bald ins Herz. Doch auch der restliche, grösstenteils unbekannte Cast trägt seinen Teil zum Gelingen des Films bei. Sari Lennick ist die ideale Besetzung für Larrys wankelmütige und opportunistische Frau Judith, Aaron Wolff brilliert als Sohnemann Danny, der als 13-Jähriger kurz vor der Bar Mitzvah steht und sich bereits Joint um Joint reinzieht, während Fred Melamed in Form von Judiths Liebhaber Sy Ableman das komödiantische Highlight des Films darstellt. Er sorgt mit seiner sonoren Stimme und seiner schleimigen Eloquenz für einige Lacher. Fans von Chuck Lorres TV-Serien dürfen sich überdies über einen kurzen Auftritt von Simon Helberg freuen, den man als Howard Wolowitz aus der Serie The Big Bang Theory kennt, und der als Rabbi Scott Larry einen herrlichen Nonsens-Rat gibt ("Just look at the parking lot!").

Das Drehbuch der Coens ist einmal mehr ein Geniestreich. Einerseits ist es ihnen gelungen, eine breite Palette von Figuren zu konstruieren, die zwar vollkommen überzeichnet sind, insbesondere die religiösen Würdenträger, aber dennoch nicht unrealistisch wirken. Die jüdischen Stereotypen sind einem vielleicht nicht allzu geläufig, doch das Skript sorgt dafür, dass man eine vage Idee von ihnen bekommt. Wie Joel und Ethan Coen, Sprösslinge jüdischer Intellektueller, die Menschen aus ihrer Kindheit karikiert haben, ist schlichtweg genial. Diese Charaktere lassen sie in einer Geschichte agieren, die lose auf der biblischen Erzählung von Hiob basiert. Larry, der mässig gläubige Jude, der an der Physik-Fakultät der Universität von Minneapolis kurz vor dem Aufstieg auf der Karriereleiter steht, wird vom Leben aufs Äusserste geprüft und sucht Trost und Rat in der Religion; er besucht diverse Rabbis, die ihm jedoch auch nicht weiterhelfen können. Es ist die einzigartige Coen-Brillanz, die dafür sorgt, dass diese Geschichte dermassen satirisch, zynisch und böse, trotzdem lustig und absolut dicht ist. A Serious Man ist Charakterstudie, ironische Abhandlung der lebendigen jüdischen Tradition, Psychodrama und Tragikomödie in einem. Man kann dem Drehbuch vielleicht den Vorwurf machen, dass es möglicherweise etwas zuviel Grundwissen über die doch recht komplexe Materie verlangt, aber vielleicht ist es gerade das, was den Film so persönlich und reif macht. Denn A Serious Man ist nicht nur der schwärzeste Film der Coens, vor allem bezogen auf das unglaubliche Ende, sondern seltsamerweise auch der reifste.

Einmal mehr haben Joel und Ethan Coen beschlossen, ihren Film in einer historisch signifikanten Zeit spielen zu lassen. Und wieder einmal umgehen sie so ziemlich alles, was diese Zeit so besonders macht. Der einzige Aspekt, der das Klischee des Umbruchs in den 1960er Jahren andeutet, ist Danny Gopniks Musikgeschmack: Er interessiert sich für Bands wie Santana, Creedence Clearwater Revival - Hallo, Anspielung auf The Big Lebowski! - oder Jefferson Airplane, deren "Somebody to Love" gemeinsam mit Sidor Belarskys "Dem Milners Trern" quasi das Titellied von A Serious Man ist. Der Krieg in Vietnam oder die Jugendbewegungen werden nicht einmal erwähnt. Bebildert wurde die fassadenhafte Vorstadtidylle von Roger Deakins, der wieder die hervorragende Arbeit leistet, die man sich von ihm gewohnt ist. Sein Spiel mit Licht und Schatten und Handlungsrahmen zeugt von souveräner Professionalität und künstlerischer Weltklasse.

"Der Weg ist das Ziel.", sagt man. Unzählige Male wurde diese Floskel schon bemüht, doch in A Serious Man trifft sie auch tatsächlich zu. Larry, den viele Schreibgenossen als die Verkörperung des utopischen "common man" aus Barton Fink erkannten, muss auf seiner Gedankenreise feststellen, dass auch die Religion, wenn man so will, nicht mehr das ist, was sie einmal wahr. Selbst Rabbi Marshak, der Weiseste unter den Weisen, wurde von der Moderne korrumpiert. Wie sich das zuträgt, soll hier nicht verraten werden. Die Coen-Brüder lassen Larry feststellen, dass die Antworten nicht in der Thora, geschweige denn in den Köpfen von religiösen Instanzen zu finden ist, sondern dass jeder selbst für sein Schicksal verantwortlich ist. Aber auch wenn man dies erkannt hat, ist man vor dem Leben nicht sicher, wie uns A Serious Man eindrücklich zeigt.

Joel und Ethan Coen begeistern zum dritten Mal in Folge mit einem hervorragend geschriebenen, brillant inszenierten und rundum gelungenen Film. No Country for Old Men war enorm spannend, Burn After Reading war wahnsinnig lustig, A Serious Man ist ein bisschen beides. Es gibt die typischen absurden Coen-Dialoge, die meistens im Nirgendwo enden, doch es steckt wirklich etwas hinter der erzählten Geschichte, die beim richtigen Publikum sicherlich gut ankommt. Wer sich entschliesst, den Film zu sehen, muss bereit sein mitzudenken. Tut er dies, wird er im Gegenzug mit einem formidablen Filmerlebnis belohnt, welches noch lange für Gedankenarbeit und Gesprächsstoff besorgt sein wird.

Saturday, 30 January 2010

Mary and Max

Ein bisschen Farbe im Leben: Max (Philip Seymour Hoffman) betrachtet den Kopfschmuck, den Mary (Bethany Whitmore/Toni Collette, kleines gezeichnetes Bild) ihm geschickt hat.

6 Sterne

Adam Elliot ist ein Name, den man sich merken sollte. Der Mann ist Australier, 37 Jahre alt und ein waschechter Auteur. 2004 gewann sein Plastilin-Kurzfilm Harvie Krumpet den Oscar für "Best Short Film, Animated". Er behandelte darin einen unter dem Tourette-Syndrom leidenden Polen, der im Zweiten Weltkrieg nach Australien emigriert und dort sein äusserst beschwerliches Leben lebt. Die Figuren sind quasi stumm, man hört einzig Geoffrey Rush als Erzähler. Elliot hat seine Technik seit Harvie Krumpet nochmals verfeinert und liefert mit Mary and Max Filmmagie erster Güte, die zugleich berührt, aufwühlt und tröstet.

Animationsfilme sind auch für Erwachsene da. Viele Leute neigen dazu, dies zu vergessen. Besonders Stop-Motion-Filmen mit Plastilinfiguren haftet noch das Vorurteil des Kindischen an, da man sich an Pingu oder die familienfreundlicheren Abenteuer von Wallace & Gromit erinnert fühlt. Es ist zu hoffen, dass Mary and Max diese Meinung ein für allemal aus der Welt schafft. Die darin behandelten Themen sind aktuell und klingen eher nach einem beklemmenden Drama als nach einem schwarzhumorigen Trickfilm. Die Figuren und damit auch die Zuschauer werden mit Themen wie Autismus, Mobbing, Fettsucht oder Alkoholismus konfrontiert. Dabei vermeidet es Adam Elliot aber, die aufgeworfenen Fragen zu banalisieren oder zu überanalysieren. Vielmehr lässt er in seinem vielschichtigen Drehbuch, das angeblich auf wahren Begebenheiten basiert, zwei soziale Aussenseiter sich nach und nach in Richtung Antworten und Lebensglück tasten. Mary, wunderbar vertont von Bethany Whitmore und später Toni Collette, ist eine acht Jahre alte Australierin und wünscht sich sehnlichst einen echten Freund, den sie immer um Rat fragen kann. Max, brillant gesprochen von Philip Seymour Hoffman, der auch hier wieder seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt, ist ein 44-jähriger atheistischer Jude aus New York, der unter dem Asperger-Syndrom leidet und ausser Schokolade nichts zu essen scheint. Zwar sind diese beiden Charaktere durchaus interessant, doch genügt ein simpler Briefwechsel zwischen dem ungleichen Duo, um einen 90-minütigen Film zu füllen? Legt man die Aufgabe in Adam Elliots Hände, dann auf jeden Fall. Sein Skript strotzt geradezu vor Kreativität, schwarzem Humor, Alltagsphilosophie und todtraurigen Situationen. Max sinniert über seinen Stolz, ein "Aspie" - ein unter dem Asperger-Syndrom Leidender - zu sein; Mary wundert sich, weshalb ihre Mutter immer Sherry "kostet" und beide tragen sich ihre Sorgen, Nöte und Vorlieben vor. So sind Max' Lieblingswörter "ointment, bumblebee, Vladivostok, banana und testicle" und sein ehemaliger imaginärer Freund heisst Mr. Ravioli und sitzt nur noch lesend in einer Ecke, während Mary sich in ihren stotternden Nachbarn Damien, den Eric Bana auf äusserst witzige Weise synchronisiert, verliebt hat. Aus diesen scheinbar banalen Informationsfetzen wird im Laufe von Mary and Max ein Flickenteppich gemacht, der eine traditionell aufgezogene Story überflüssig macht. Man könnte noch mehr Worte über das fantastische Drehbuch verlieren, doch dies würde nicht über repetitive Lobhudeleien und das Zitieren der besten Stellen hinausgehen. Darum sei es jedem ans Herz gelegt, sich den Film selber anzusehen.

Einem Stop-Motion-Film kann man selten das Kompliment machen, er sei wunderschön gefilmt. Mary and Max stellt die berückende Ausnahme von der Regel dar. Der Film verdankt viel von seiner poetischen Kraft seinem Setting und seinen Bildern. Marys Welt ist in gedämpften Brauntönen gehalten, während Max' New York strikt schwarz-weiss ist und nur die Objekte, die ihm Mary schickt, diese Monotonie, meistens mit grellem Rot, brechen. Der Kameramann Gerald Thompson fing überdies auch das Leben der beiden Hauptfiguren höchst kunstvoll ein. Man könnte meinen, dass ein Film, der grundsätzlich aus Briefen besteht, langweilig anzusehen ist. Dass dies nicht der Fall ist, ist nicht zuletzt den aussergewöhnlichen Aufnahmen Thompsons zu verdanken. Er experimentiert mit einer Vielzahl von Kamerastilmitteln und trifft damit ausnahmslos ins Schwarze.

Mary and Max ist ein tiefsinniges Lehrstück über das Leben in all seinen Facetten. Am Beispiel zweier besonderer Menschen wird einem die ganze emotionale Bandbreite des Lebens vor Augen geführt. Und man merkt: Freud und Leid liegen oft nah beieinander. Zwischen erfüllender Liebe und Selbstmord, zwischen Karriere und zerbrochener Freundschaft liegt oft nicht mehr als ein Jota. Zugleich zelebriert Mary and Max aber auch die alte Weisheit, dass Gott niemals die Tür schliesst, ohne ein Fenster zu öffnen. Neue Anfänge und grosse Schritte sind ein Leitmotiv in Adam Elliots Werk und hier ganz besonders. Dass sich zu dieser philosophischen Haltung auch noch das menschliche Interesse dazugesellt, intensiviert das Erlebnis weiter. Auch abgebrühte Kinogänger werden in Mary and Max mit den Tränen zu kämpfen haben, etwa wenn Mary als Erwachsene mit der Schlinge um den Hals auf ihrem Küchenhocker steht und sich zu den Klängen von "Que Sera, Que Sera" auf den Sprung von demselben vorbereitet, oder als sich Marys agoraphober Nachbar endlich wieder aus dem Haus traut.

"God gave us relatives, thank God we can choose our friends." Mit diesem Zitat schliesst Adam Elliots Claymation-Meisterwerk. Mary and Max ist Filmpoesie auf höchstem Niveau. Der Zuschauer wird während 90 Minuten durch sämtliche dem Menschen bekannten Gemütszustände getragen und verlässt den Kinosaal in Gedanken versunken und mit einem melancholischen Lächeln auf den Lippen. Der Film mag nicht über die technische Raffinesse eines Up und den hochkarätigen Cast eines Fantastic Mr. Fox verfügen - wobei Toni Collette, Eric Bana und der geniale Philip Seymour Hoffman ja keineswegs zu verachten sind -, doch gemessen am Gefühl und der Aussagekraft muss er sich vor diesen Animationsfilmen keinesfalls verstecken. Eine Oscarnomination wird es wahrscheinlich - aus unerfindlichen Gründen - nicht geben, doch vielleicht lässt sich der Wert von Mary and Max auch gar nicht in Preisen aufwiegen. Hohe Kunst bleibt hohe Kunst, ob dekoriert oder nicht.